Bali - Die Insel der Goetter und Schamanen - Teil 3 von 3
von Dr. Friedrich Demolsky

Die gelebte Spiritualitaet auf der Goetterinsel

Ueberall auf Bali finden sich groessere und kleinere Tempelanlagen, in denen haeufig Zeremonien und Opferungen durchgefuehrt werden.

Zu purnama, am Tage des Vollmonds, ziehen die Einheimischen in ihren bunten Sarongs und Kebayas zu ihrem Dorftempel, wo sie beten und ihre Opferhandlungen durchfuehren. Viele dieser Tempelanlagen auf Bali gelten als ganz besonders heilig, als spirituelle Orte der Kraft, die zu gewissen Feiertagen von Hunderttausenden Pilgern aufgesucht werden.

Jedes balinesische Haus verfuegt ueber mindestens einen Haustempel, an dem die weiblichen Mitglieder der Familie mehrmals taeglich Opferhandlungen vornehmen. Geopfert wird auf Bali nicht nur den zahlreichen Goettern des balinesisch-hinduistischen Pantheons, sondern auch den Kraeften und Maechten der Finsternis - den Daemonen. Der Tempel Pura Ulu Danau ist Dewi Danau, der Goettin der Gewaesser geweiht...

Ziel des balinesischen Hinduismus ist es nicht, das Gute zu foerdern und das Boese zu bekaempfen, sondern vielmehr, einen Ausgleich zwischen beiden Polen anzustreben.

Der Balinese weiss, dass es sich bei Gut und Boese, Tag und Nacht, Mann und Frau etc. um blosse Polaritaeten handelt, deren Pole sich wechselseitig in ihrer Existenz bedingen. Die zwischen diesen Polen aufrecht erhaltene Spannung und der zwischen ihnen permanent bestehende Energiefluss konstituieren dem Balinesen jene Dimension des Seins, die wir irrtuemlicherweise mit 'Wirklichkeit' bezeichnen. Jeder Hindu weiss, dass mit dieser Bezeichnung bloss die groesste aller Illusionen des Menschen benannt ist, denn die wahre Realitaet des Seins ist hinter dem Schleier der Maya verborgen.

Der Balinese weiss ueberdies, dass jenes dynamische Gleichgewicht zwischen den Polen einer Polaritaet aufrecht erhalten werden muss, um Harmonie zu bewirken. Wird dieses Prinzip der Balance missachtet, dann muss ein daraus resultierendes Ungleichgewicht notwendig ueber einen radikalen, katharsischen Akt der Selbstreinigung ausgeglichen werden, der fuer den Menschen stets mit Leid, Disharmonie und Unglueck verbunden ist. Deshalb gilt dem Balinesen in allen Lebensbereichen das Aufrechterhalten bzw. das Wiederherstellen der Balance als die oberste Maxime seiner Spiritualitaet.

Es ist naheliegend, dass die Balinesen auch die meisten Krankheiten aus dieser Persektive beurteilen. Krankheit wird auf Bali fast immer als das Produkt eines Zustandes der Disharmonie zwischen dem Betroffenen und seiner Umwelt betrachtet. In diesem Sinne unterscheidet sich eine Krankheit kaum von anderen Ungluecksfaellen: von einem Unfall, einem Ernteausfall, dem Tod eines Familienmitgliedes, dem Verlust des Arbeitsplatzes etc.

Wann immer ein derartiger Ungluecksfall eintritt, wird ein davon betroffener Balinese annehmen, dass er etwas Unangemessenes getan, oder etwas Angemessenes unterlassen haette. Vielleicht hat er eine gesetzliche, religioese oder eine sittliche Norm verletzt, vielleicht seine Position missbraucht, oder er war vielleicht nicht respektvoll gegenueber einer bestimmten Gottheit…
 

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