Die Stadtschamanen - Teil 8 von 9
von Dr. Friedrich Demolsky

Reflexionen zur schamanischen Heilbehandlung

Im Gegensatz zu Religion und Schulmedizin, hat der Schamanismus niemals hierarchisch organisierte Machtstrukturen ausgebildet. Dieser Umstand legt die Annahme eines Mangels nahe - EINES MANGELS AN BEDARF!

Es gibt offenbar weltweit KEINEN Bedarf fuer Schamanen, ihr Wissen, ihre Lehren, ihre Methoden und Techniken durch halbstaatliche Machtgebilde reglementieren und verwalten zu lassen. Und es gibt fuer sie ganz offensichtlich noch weniger Bedarf, ihre 'Autoritaet' und 'Fachkompetenz' oder ihre beruflichen Interessen durch Zwangsmitgliedschaft in 'schamanischen Standesvertretungen' zu schuetzen. Es besteht auch kein Bedarf fuer Schamanen, ihre wirtschaftlichen Interessen durch ein gesetzlich festgelegtes Behandlungsmonopol absichern zu lassen.

Dieser global anzutreffende Mangel an Bedarf ist doch sehr interessant, nicht wahr?

Weshalb hatte der Schamanismus bis zum heutigen Tage keine Veranlassung, seinen Fortbestand und das Wohlergehen seiner Vertreter durch staatlich anerkannte Organisationsformen oder durch eine gesetzlich festgeschriebene Monopolstellung abzusichern?

Ungeachtet zahlreicher Versuche seiner Repression durch Staat und Kirche, hat sich der Schamanismus seine Unabhaengigkeit von vorgegebenen, standartisierten Glaubensanschauungen sowie staatlicher Einflussnahme und Kontrolle bis zum heutigen Tage bewahrt.

Die Weltbetrachtung des Schamanen liegt seit Tausenden Jahren ausserhalb der allgemeingueltigen Norm seiner Gesellschaft. Der praktische Nutzen des Schamanismus besteht ja gerade in der Faehigkeit des Schamanen, absorbierte moralische, sittliche und rechtliche Dogmen sowie unrichtige Glaubensanschauungen und nutzlose, stoerende Werte mit Bildschoepfungen aus der Tiefe der Seele in Frage zu stellen, sie zu erschuettern und dort zu eliminieren, wo sie zu finden sind – im Mindset seines vorwiegend von Staat und Kirche konditionierten Klientels.

Vor diesem Hintergrund nimmt es nicht wunder, dass es weltweit auch KEINE genormte schmamanische Heilbehandlung gibt. Es gibt weder eine 0815-Methode, noch eine DIN (Deutsche Industrie Norm), welche schamanische Dienstleistungen standartisieren bzw reglementieren.

Obgleich alle schamanischen Heilbehandlungen eine nicht zu verkennende inhaltliche Aehnlichkeit aufweisen, unterscheiden sie sich oft der Form nach ganz erheblich. Selbst wenn die dabei angewandten Techniken unterschiedlich sind, darf nicht uebersehen werden, dass das tragende Prinzip des Schamanismus im Zugang zu und im Verkehr mit geistigen Kraeften besteht. Dieses Prinzip ist der gemeinsame Nenner, den wir bei allen schamanischen Heilbehandlungen finden.

Der Stadtschamane sollte sich deshalb bei der Duchfuehrung von Heilbehandlungen bewusst sein, dass nicht er es ist, der die Heilung seines Klienten bewirkt, sondern seine 'Verbuendeten', dh jene geistigen Kraefte, die er zu diesem Zwecke angerufen hat.

Demgegenueber fungiert der Stadtschamane bloss als Medium, als Mediator zwischen seinem Klienten und der geistigen Welt. Ob er diese Kraefte nun ‚Spirits’, ‚Krafttier’ oder ‚geistige Helfer’ nennt, ist voellig unbeachtlich. Die von ihm evozierten Kraefte fliessen entweder durch ihn hindurch auf den Patienten, oder sie werden auf andere Weise auf letzteren uebertragen.

Im Gegensatz zur Schulmedizin, sind es im Schamanismus immer geistige Kraefte, Energien und/oder Entitaeten, welche den Heilungsprozess ausloesen. Diese wirken ausgleichend auf das gestoerte energetische System des Individuums.

Wird durch ihr Eingreifen die Stoerung im fluidalen, energetischen Bestand des Patienten behoben und das zuvor aus den Fugen Geratene wieder ins Lot gebracht, dann bewirkt dies auf physiologischer Ebene eine Kraeftigung des Immunsystems sowie das Wiedererstarken der koerpereigenen Selbstheilkraefte. Gleichzeitig wird dadurch die Faehigkeit des Koerpers erhoeht, groessere Mengen an Lebenskraft (Prana) fuer laengere Zeit zu speichern. In der Folge kommt es haeufig zu einer erkennbaren Besserung des Befindens, oder – wie wir es auf Bali seit vielen Jahren beobachten - zur voelligen Genesung des Patienten.

Selbst wenn es im Rahmen schamanischer Heilbehandlungen ueberraschend oft zu dauerhaften Heilungen kommt, gilt ein bekannter Satz Goethes auch fuer den Schamanismus und seine Vertreter. Goethe laesst in Faust I den Teufel selbst zu Wort kommen. Dieser erklaert dem ehrgeizigen Famulus Wagner, der bei ihm einen Rat betreffend das Studium der Medizin einholt:

„Du studierst die Gross’ und Kleine Welt, um es am Ende geh’n zu lassen, wie’s Gott gefaellt“.

Ersetze nun die Worte ‚Gross’ und Kleine Welt’ mit ‚geistige Welt’ und das Wort ‚Gott’ mit ‚den Spirits’, und Du erhaeltst als Ergebnis eine klare Aussage bezueglich der natuerlichen Grenzen schamanischer Heilbehandlungen.

Der Umstand, dass die urspruengliche Aussage aus dem Munde des Leibhaftigen kam, aendert nichts an ihrem Wahrheitsgehalt.

Im naechsten Teil wollen wir uns damit beschaeftigen wie man ein Stadtschamane wird. Wir werden zwei Wege betrachten, die beschritten werden koennen, um als Stadtschamane im Westen zu fungieren - einen guten und empfehlenswerten, und einen weniger guten und nicht empfehlenswerten.
 

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