|
Als ich Jero zum ersten Mal aufsuchte, war ich nicht schlecht
erstaunt ueber die vielen Menschen, die in ihrer "Praxis" warteten. Sie alle
wollten von Jero und ihren Geistern Rat und Hilfe bekommen. Die anwesenden
Balinesen sassen im Freien und unterhielten sich und machten mir einen ganz
frohen Eindruck. Man konnte meinen, dass sie sich dort nur deshalb zusammen
gefunden hatten, um einen netten Tag miteinander zu verbringen.
Alle waren in der traditionellen balinesischen Kleidung
erschienen. Maenner wie Frauen trugen bunte Sarongs, die mit einem Seidentuch
um die Huefte befestigt waren. Die Maenner trugen ueberdies ein weisses
"Kepi", eine Art Stirnband, und alle Frauen waren in ihren "Kebaias",
wunderschoene traditionelle Spitzenblusen, erschienen. Es ist ueblich auf Bali
und wird von jedermann - also auch von Touristen - erwartet, dass man beim
Besuch einer Tempelanlage, bei religioesen Zeremonien und Feierlichkeiten oder
anlaesslich der Konsultation eines Schamanen oder Heilers in traditioneller
Kleidung erscheint.
Durch diese Etikette erweisen die Balinesen ihren Goettern und
Geistern Respekt und angemessene Ehrerbietung. Niemand auf der Insel moechte
die Goetter provozieren oder gar die negativen Kraefte, die Daemonen, durch
ungebuehrliches Verhalten oder durch unzukoemmliche Bekleidung herausfordern.
Vor meinem geistigen Auge entstanden ploetzlich jene vertrauten Bilder, wie
sie uns allen aus den uebefuellten und trostlosen Praxen unserer Aerzte in
Erinnerung sind. Ich wurde ein wenig traurig ueber das Ergebnis meines
Vergleiches mit dem, was ich hier erfahren sollte.
Sehr schnell legte ich
aber diese Gedanken beiseite und konzentrierte mich wieder auf meine momentane
Umgebung. Inmitten des Gartens von Jero, voll ueppiger Pflanzen und tropischer
Blueten, wurde mir ploetzlich bewusst, dass ich mich hier an einem besonderen
Kraftort befinden musste. Unzaehlige Menschen versammelten sich hier seit
vielen Jahren, um von der Schamanin Jero eine besondere Art Hilfeleistung oder
Service zu erbitten, das sie sonstwo offensichtlich nicht bekommen konnten.
|