Risse im Schleier der Maya - Teil 1 von 3
von Dr. Friedrich Demolsky

Die Illusion einer objektiven Wirklichkeit

"Ich wage zu behaupten, dass die Spannung zwischen Naturwissenschaft und Glaube nicht im Sinne von Elimination oder Dualitaet, sondern im Sinne einer Synthese geloest werden sollte". Teilharde de Chardin

Was siehst Du auf dem orangen Bild? Einen weissen Kelch oder zwei orange Gesichter? Oder etwa gar beides...?

Wenn wir in unserem Alltag von "unserer Wirklichkeit" oder "unserer Realitaet" sprechen, sind wir uns dann auch der Unschaerfe und der Relativitaet bewusst, die unserem Wirklichkeits- bzw. Realitaetsbegriff anhaften? Wohl kaum. Meist denken wir gar nicht erst tiefer darueber nach, welche Bedeutung die von uns so oft verwendeten Begriffe haben.

Wir vermeinen vielmehr, dass etwas bereits deswegen "wirklich" sein muesste, weil wir dies ja aus ganz gewichtigen Gruenden behaupten. Und wir glauben, dass wir ohne weiteres dazu berechtigt sind, etwas als "wirklich", "real" oder als "existent" anzunehmen, weil wir dieses Etwas entweder mit unseren Sinnen wahrnehmen, oder dank unserer Vernunft logisch erschliessen, oder mathematisch exakt ableiten und beweisen koennen.

Bei naeherer Betrachtung, erweisen sich letztendlich alle unsere spitzfindigen Annahmen betreffend unsere Realitaet - und damit bezueglich der wahren Natur der Dinge, Ablaeufe und Ereignisse in der phaenomenalen Welt - als blosse Trugbilder unseres Geistes bzw. unseres Denkvermoegens.

Den alten Meistern und Eingeweihten, den Schamanen, Magiern und Priestern waren diese Irrlichter des menschlichen Geistes durchaus bekannt. Sie alle vertrauten deshalb nicht in die Welt der Erscheinungen, die sich vor ihren nach aussen gerichteten Sinnen auftat. Sie warnten vielmehr seit undenklichen Zeiten den ernsthaft Suchende vor den mannigfaltigen Illusionen in unserer materiellen Welt, und sie alle nahmen Zuflucht zu ihren inneren spirituellen Quellen, um die Natur des Wahren und Wirklichen zu erfahren…

So hat in der Hindu-Philosophie nur das, was ewig und unveraenderlich ist, Realitaet. Alles andere, hingegen, das dem Verfall oder der Veraenderung unterworfen ist und deshalb Anfang und Ende haben muss, wird von den Hindus als "Maya" bezeichnet. Auch der Buddhismus geht davon aus, dass sich hinter dem Schleier der Maya das Wesentliche, das Wirkliche, die Essenz der Existenz verbirgt.
 

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